Digital gestärkt aus der Corona-Krise

Kursteilnehmende bei Arbeit und Bildung e.V. freuen sich über Arbeitserleichterungen und technische Neuerungen. Aber die Digitalisierung hat auch Nachteile.

Was braucht es, um eine Zahnpasta vollständig zu entleeren? Ganz klar – einen „Zahnpastatubenausquetscher“. Und wie kann ein solcher konstruiert und ausprobiert werden? Mit einem 3-D-Drucker. Der wurde während der Corona-Krise für die Kursteilnehmenden der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) angeschafft.

„Pädagogisch können wir im 3D-Druck, dessen Programmierung ähnlich wie der einer CNC-Fräse im Maschinenanlagenbau funktioniert, niedrigschwellig ‚design thinking‘ trainieren“, erklärt Alexander von der Beeke, Kursleiter der BvB in Stadtallendorf. „So lassen sich Lösungsansätze entwickeln, Prototypen digital entwerfen und auch direkt anfertigen, um die Durchführbarkeit zu überprüfen. Um dies gut hinzubekommen müssen natürlich verschiedene Faktoren im Auge behalten werden: Ist das Material geeignet? Kann der Drucker die gewünschte Form produzieren? Daraus ergeben sich Lerngelegenheiten in den verschiedensten Bereichen: Mathematik (Geometrie, Verbrauchsrechnungen), Physik (Materialwissenschaft, Statik) und natürlich räumliches Denken und anwendungsbezogene Lösungsstrategien. Insbesondere in technischen Berufen ist ein Grundverständnis des Fertigungsprozesses und der informationstechnischen Verarbeitung der Vorlagen von Vorteil“, so Beeke. Der 21-jährige BvB-Teilnehmer Kevin meint: „Es macht Spaß! Das ist was ganz Neues für mich und man hat‘s am Ende in den Händen.“

Die Anschaffung eines 3-D-Druckers ist ein zentraler Baustein der „Berufsorientierung 4.0“, wie die Arbeitsgruppe Digitalisierung bei Arbeit und Bildung e.V. eine Reihe von digitalen Neuerungen nennt. Neben dem 10-Finger-Schreiben am Computer und Tabellen-Kalkulation üben die Teilnehmenden jetzt online-Kundengespräche und erstellen ihre eigenen Bewerbervideos. „Durch den Zwang von Abstand und Distanz durch Corona haben viele Firmen auch die finanzielle Ersparnis in Online-Formaten entdeckt“, erklärt Ida Leichthammer, Kursleiterin der BvB Marburg und mitwirkende in der Arbeitsgruppe. „Es gibt kaum noch klassische Vorstellungsgespräche. Das Präsentieren vor der Kamera können die jungen BvB-ler gut, es macht ihnen Spaß, das eigene Video aufzunehmen, zu schneiden und mit Hilfe von Apps zu bearbeiten“, so die Pädagogin. Derzeit laufen sechs BvB-Kurse bei Arbeit und Bildung e.V. in Marburg und Stadtallendorf mit jeweils 12 bis 15 Personen.

Seit Anfang des Jahres wurde außerdem für alle Kursteilnehmenden bei Arbeit und Bildung e.V. die Lernplattform ILIAS eingeführt. Eine digitale Online-Plattform, um Materialien zu teilen, mit Lehrkräften und Schüler*innen zu kommunizieren, Lernvideos zu zeigen und Tests durchzuführen.

„Im Lockdown konnten Labtops mit Zubehör ausgeliehen werden, wenn die Teilnahme am Unterricht nicht möglich war. Das können wir jetzt fortführen, wenn es nötig ist. Das gibt allen mehr Flexibilität“, sagt Fadi Einuz, Kursleiter der BvB Marburg.

Kordula Weber, eine der beiden neuen Geschäftsleiterinnen bei Arbeit und Bildung e.V., erklärt: „Besonders für digital versierte Teilnehmende sind die Neuerungen motivierend und lassen sich gut im Unterricht  einsetzen. Allerdings entspricht das nicht dem Großteil unseres Klientels. Wir müssen auch ganz ehrlich zugestehen, dass wir im Distanzunterricht auch Teilnehmende verloren haben. Dazu muss man wissen, dass 70 % der Arbeit der Lehrkräfte bei uns Beziehungsarbeit ist. Wir haben es mit Jugendlichen zu tun, die die Schule abgebrochen haben, die von zu Hause nur wenig oder gar keine Unterstützung bekommen, mit Erwachsenen die länger arbeitslos sind, die Suchtprobleme haben oder aber durch Krankheit belastet sind. Auch werden viele Menschen mit geringen Deutschkenntnissen bei uns beraten und geschult. Um die Menschen zu erreichen, zu motivieren und sie für den Arbeitsmarkt zu öffnen, bedarf es einer vertrauensvollen Beziehung. Die lässt sich nur schwer digital erreichen. Nur mit viel persönlicher Kontaktarbeit und Einsatz der Lehrkräfte konnte größerem Verlust entgegengewirkt werden“, so die Geschäftsleiterin.

Um auch diejenigen mit zu nehmen, die keine oder wenig digitale Kenntnisse besitzen, hat Arbeit und Bildung e.V. digitale, bildgestützte Handbücher in unterschiedlichen Sprachen erstellt. Sie stehen den Teilnehmenden zur Verfügung und ermöglichen die Nutzung von Zoom und von interaktiven Lernmaterialien zum Selbstlernen. Wenn nötig, kann die Unterstützung der Lehrkräfte dazu geschaltet werden.

Im Haus an mehreren Stellen wurden mobile Arbeitsplätze eingerichtet. Computer, die in verschiedenen Räumen bei Arbeit und Bildung e.V. zur freien Nutzung platziert sind. Mit kurzen Videos wird gezeigt, wie verschiedene Programme funktionieren und Aufgaben bearbeitet werden können. Für den seit kurzem wieder stattfindenden Präsenzunterricht prangen nun in den Eingangsbereichen der verschiedenen Häuser des Bildungsträgers Bildschirme, die die tägliche Raumnutzung anzeigen und Suchläufe von Teilnehmenden im Haus vermeiden sollen.

Die Teilnehmenden der Lehrgänge und Projekte werden in Kurzschulungen bei Bedarf auch in Präsenz in Kleingruppen auf das Lernen in digitalen Formaten vorbereitet. Davon profitieren zum Beispiel auch Teilnehmende, die für den Präsenzunterricht wegen fehlendem ÖPNV schwer zu erreichen sind: Der aktuelle Erstorientierungskurs, in dem Menschen, die gerade erst nach Deutschland gekommen sind, erste Orientierung zu Sprache und Alltag bekommen, hat sich gemeinsam entschieden, online weiterzumachen. Viele von ihnen kommen aus dem Hinterland und müssten wieder weite Wege zurücklegen, um nach Marburg in den Präsenzunterricht zu kommen. „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht, die Teilnehmenden haben sich an den online-Unterricht gewöhnt, sie sind alle anwesend und machen gut mit“, berichtet Kursleiter Mohamed Bennani.

Digital unterstützt werden auch die Lehrkräfte: Im Homeoffice müssen sie keine Bedenken haben, wenn etwas technisch nicht klappt. Der Techniker kann sich mit einer App auf den Computer der Mitarbeitenden aufschalten, von wo auch immer sie arbeiten, um Probleme zu lösen. Das funktioniert auch mit Teilnehmenden, die zu Hause arbeiten.

„Es gibt noch viel zu tun in Sachen Digitalisierung, aber ein großer Schritt ist getan zu mehr Flexibilität, die allen zu Gute kommen kann, wenn wir es schaffen, auch diejenigen mitzunehmen, die digital nur wenig versiert sind“ so Angelika Funk, Geschäftsführerin von Arbeit und Bildung e.V.